Tarifpolitik

Apothekenproteste um Fixum: Warum der Kampf um 9,50 Euro die Gehälter der Teams entscheidet

🗓️ 04. Oktober 2026 ✍️ Redaktion Apothekenstimme 📌 Quelle: SWR
Apothekenproteste um Fixum: Warum der Kampf um 9,50 Euro die Gehälter der Teams entscheidet

Geschlossene Offizinen und Proteste für ein höheres Honorar: Warum das Scheitern an der 8,35-Euro-Grenze die Verhandlungsspielräume von ADEXA und ADA direkt stranguliert.

Bundesweit blieben am Montag tausende Apothekentüren verriegelt, während Notdienstklappen den Grundbedarf sicherten und Inhaber wie Angestellte in Berlin, Düsseldorf und München auf die Straße gingen. Was vordergründig wie ein wirtschaftlicher Hilferuf der Apothekenleiter gegenüber Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) wirkt, berührt das pharmazeutische Personal im Kern: Ohne eine spürbare Reform des seit über 13 Jahren eingefrorenen Festzuschlags von 8,35 Euro gemäß § 3 der Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV) auf mindestens 9,50 Euro fehlt den Arbeitgebern die betriebswirtschaftliche Basis für spürbare lineare Gehaltserhöhungen im Bundesrahmentarifvertrag (BRTV).

Honorarstillstand blockiert Gehaltszuwächse bei ADEXA-Verhandlungen

In den Tarifrunden zwischen der Gewerkschaft ADEXA und dem Arbeitgeberverband Deutscher Apotheken (ADA) wiederholt sich seit Jahren dasselbe Szenario: Während die Lebenshaltungskosten klettern und Fachkräfte in Industrie oder Krankenhaus abwandern, verweisen die Inhaber auf stagnierende Roherträge. Der Festzuschlag pro rezeptpflichtiger Packung deckt längst weder die inflationsbedingten Betriebsausgaben noch die Tarifsteigerungen der vergangenen Jahre ab. Wenn der Koalitionsbeschluss zur Anhebung auf 9,50 Euro weiter verschleppt wird, droht den Verhandlungen für PTA, PKA und angestellte Approbierte eine anhaltende Nullrunden-Gefahr, da die Ertragsspanne der Vor-Ort-Apotheken inflationsbereinigt ein historisches Tief erreicht hat.

Arbeitsrecht am Protesttag: Annahmeverzug statt Minusstunden

Die Schließung der Betriebe an Protesttagen wirft für das pharmazeutische Personal handfeste arbeitsrechtliche Fragen auf. Da es sich hierbei nicht um einen gewerkschaftlichen Arbeitskampf der Beschäftigten handelte, sondern um eine von den Inhabern initiierte Protestmaßnahme, greift juristisch grundsätzlich der Annahmeverzug des Arbeitgebers nach § 615 BGB. Wurden Angestellte nicht für Notdienste eingeteilt oder zur Rezeptabrechnung und Inventur herangezogen, durfte dieser Schließtag nicht eigenmächtig auf dem Arbeitszeitkonto als Minusstunden verbucht oder durch erzwungenen Urlaub abgegolten werden. Viele Teams demonstrierten jedoch im Schulterschluss mit der Leitung, um gemeinsam für die wirtschaftliche Zukunft ihrer Arbeitsplätze einzustehen.

16.601 Apotheken bundesweit: Schließungswelle treibt Arbeitsbelastung nach oben

Dass der Protest überfällig war, belegen die jüngsten Bestandsdaten drastisch: Zum Jahresende 2025 sank die Zahl der bundesweiten Betriebsstätten auf nur noch 16.601 – ein Verlust von 440 Apotheken innerhalb eines einzigen Jahres. In Flächenländern wie Rheinland-Pfalz, wo allein in den letzten drei Jahren 99 Betriebe aufgaben, trifft das Ausbluten der Apothekenlandschaft unmittelbar die verbleibenden Angestellten. Schließt eine Nachbarfiliale, verteilt sich das Patientenaufkommen auf weniger Schultern. Die Folge sind überfüllte Offizinen, massive Überstundenberge, steigende Bürokratielasten bei der Bewältigung von Lieferengpässen und eine Verdichtung des Notdienstturnus gemäß § 23 Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO), der das Personal an die Belastungsgrenze bringt.

Ausblick auf das Frühjahr: Bindung zusätzlicher Mittel an Personalkosten gefordert

Die von Ministerin Nina Warken angekündigte Verordnung im kommenden Frühjahr ist das entscheidende Signal, auf das die gesamte Branche wartet. Für die anstehenden Verhandlungstermine zwischen ADA und ADEXA muss jedoch gewährleistet sein, dass eine Erhöhung der Rx-Vergütung nicht ausschließlich zur Deckung gestiegener Sach- und Energiekosten genutzt wird. Die Apothekengewerkschaft wird darauf drängen, dass der finanzielle Befreiungsschlag unmittelbar in den Gehaltstabellen ankommt, um den Berufsstand der PTA und PKA konkurrenzfähig zu halten und die dramatische Abwanderungswelle nachhaltig zu stoppen.