Gewerkschaft & ADEXA

Primärversorgung in der Vor-Ort-Apotheke: Fachliche Chance oder Kollaps durch Überlastung?

🗓️ 13. Oktober 2026 ✍️ Redaktion Apothekenstimme
Primärversorgung in der Vor-Ort-Apotheke: Fachliche Chance oder Kollaps durch Überlastung?

Eine aktuelle ADEXA-Umfrage beleuchtet das Spannungsfeld neuer Versorgungsaufgaben: Bieten Impfungen und Screening fachliche Aufwertung oder droht bei chronischem Personalmangel die permanente Überlastung?

Die gesundheitspolitische Debatte um die Ausweitung der Primärversorgung in öffentlichen Apotheken gewinnt an Schärfe. Während Gesetzgeber und Berufsverbände die Übernahme niedrigschwelliger Versorgungsleistungen wie Grippe- und COVID-19-Schutzimpfungen, pharmazeutische Dienstleistungen (pDL) gem. § 129a SGB V sowie Screening-Untersuchungen als zukunftsweisende Weiterentwicklung des Berufsstandes propagieren, schlägt die Apothekengewerkschaft ADEXA mit einer bundesweiten Mitgliederbefragung Alarm. Im Kern steht die Frage, wie das pharmazeutische Personal diesen Aufgabenzuwachs vor dem Hintergrund einer ohnehin prekären Personalausstattung und anhaltenden Notdienstbelastungen bewältigen soll.

Erweiterte Kompetenzen treffen auf chronische Personalunterdeckung

Aus pharmazeutischer und berufspolitischer Sicht erscheint die Aufwertung des Berufsbildes verlockend: Angestellte Apothekerinnen und Apotheker können ihr klinisches Wissen bei erweiterten Medikationsberatungen und präventiven Maßnahmen unmittelbar einbringen. Auch für pharmazeutisch-technische Assistentinnen (PTA) eröffnen standardisierte Beratungs- und Messangebote ein qualifiziertes Tätigkeitsfeld. Doch die Praxisrealität in den Offizinen zeichnet ein gänzlich anderes Bild: Bundesweit offene Stellen, Krankheitsausfälle und eine dramatisch gestiegene Fluktuationsrate führen bereits im regulären Betriebsablauf zu einer extremen Arbeitsverdichtung. Kommen zusätzliche Primärversorgungsaufgaben hinzu, droht das Fundament der regulären Arzneimittelversorgung ins Wanken zu geraten.

Tarifvertragliche Konsequenzen und Vergütung von Zusatzqualifikationen

ADEXA mahnt an, dass ein Kompetenzzuwachs ohne tarifliche und finanzielle Gegenleistung die Attraktivität der Vor-Ort-Apotheke nicht nachhaltig sichern kann. Wer zusätzliche Verantwortung übernimmt – etwa durch zertifizierte Schulungen für Impfungen oder Medikationsanalysen –, muss diesen Mehraufwand auch auf dem Gehaltszettel wiederfinden. Im bundesweiten Rahmentarifvertrag (BRTV) sowie im Tarifbereich Nordrhein bedarf es hierfür klarer Eingruppierungs- und Zuschlagsregelungen:

  • Tarifliche Höhergruppierung: Angestellte fordern, dass spezialisierte Tätigkeiten nicht mehr als bloße Nebentätigkeit innerhalb der Grundvergütung abgetan werden, sondern verbindliche Zulagen oder Einstufungen in höhere Tarifgruppen nach sich ziehen.
  • Kompensation von Überstunden: Zusätzliche Leistungen dürfen nicht zu unbezahlter Mehrarbeit führen. Gemäß § 6 BRTV sind Überstunden zwingend mit entsprechenden Freizeitausgleichen oder Vergütungszuschlägen abzugelten.
  • Arbeitszeiterfassung und Pausen: Die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes (ArbZG) gerät ins Wanken, wenn Impftermine oder ausführliche Medikationsanalysen in Pausenzeiten oder nach Feierabend verschoben werden.

Arbeitsschutz und Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchG

Neben den tariflichen Fragen rückt der betriebliche Arbeitsschutz in den Fokus. Apothekeninhaber sind gemäß § 5 des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) gesetzlich verpflichtet, Gefährdungsbeurteilungen für die psychische und physische Belastung ihrer Mitarbeiter durchzuführen. Die Einführung neuer Dienstleistungen bei gleichbleibender Personalstärke birgt akute Risiken für Burnout und Erschöpfungszustände. Zudem bedingt die Durchführung von Impfungen und Blutuntersuchungen stringente Hygienekonzepte, geeignete Beratungsräume und einen erhöhten Dokumentationsaufwand, der im laufenden Handverkauf kaum störungsfrei realisierbar ist.

Notwendige Weichenstellungen für die Apothekenteams

Damit die Primärversorgung nicht zum Brandbeschleuniger des Fachkräftemangels wird, fordern Gewerkschaftsvertreter verbindliche Rahmenbedingungen. Notwendig sind belastbare Vertretungsregelungen, klare zeitliche Freistellungen für pDL und Präventionsangebote sowie ein ehrlicher Dialog über die Grenzen der Belastbarkeit. Die Ergebnisse der ADEXA-Umfrage werden als gewichtiges Argument in die kommenden Verhandlungen mit dem Arbeitgeberverband Deutscher Apotheken (ADA) einfließen, um klarzustellen: Mehr Verantwortung im Dienst der Patientengesundheit funktioniert nur mit fairem Gehalt, verlässlichen Arbeitszeiten und ausreichend Personal an der Tara.

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