Gesundheitspolitik

Hessen vernetzt PTA-Ausbildung und Kammer: Modell gegen Nachwuchsmangel

🗓️ 05. Oktober 2026 ✍️ Redaktion Apothekenstimme
Hessen vernetzt PTA-Ausbildung und Kammer: Modell gegen Nachwuchsmangel

Hessen setzt auf engere Verzahnung von PTA-Schulen und Apothekerkammer. Die Initiative zielt auf praxisnahe Ausbildung und langfristige Mitarbeiterbindung in Vor-Ort-Apotheken ab.

Der Fachkräftemangel in den öffentlichen Apotheken erreicht eine neue Dimension: Bundesweit bleiben offene Stellen für Pharmazeutisch-technische Assistentinnen und Assistenten (PTA) monatelang unbesetzt, während die Arbeitslast der verbleibenden Teams durch bürokratische Dokumentationspflichten, Lieferengpassmanagement und Notdienste massiv ansteigt. Vor diesem Hintergrund startet in Hessen eine wegweisende Kooperation: Die Landesapothekerkammer Hessen (LAK) und PTA-Lehranstalten intensivieren ihre Vernetzung grundlegend, um Theorie und Praxisalltag von Beginn an passgenau aufeinander abzustimmen und Absolventen verlässlich im Berufsbild der Vor-Ort-Apotheke zu verankern.

Strukturelle Verzahnung: Das neue PTA-Berufsgesetz mit Leben füllen

Seit dem Inkrafttreten des modernisierten PTA-Berufsgesetzes (PTAbG) zum 1. Januar 2023 haben sich die rechtlichen Vorgaben für Ausbildung und spätere Ausübung des Berufs verändert. Zwar ermöglicht § 3 PTAbG unter bestimmten Voraussetzungen ein eigenverantwortlicheres Arbeiten ohne permanente Beaufsichtigung durch Approbierte – in der Offizin-Realität scheitert dies jedoch häufig an unzureichend vorbereiteten Übergängen von der zweijährigen schulischen Ausbildung in das sechsmonatige Apothekenpraktikum (§ 14 PTAbG). Das hessische Vernetzungsprojekt greift hier ein: Kammerfunktionäre, erfahrene Ausbilder und Lehrkräfte koordinieren Lehrinhalte direkt mit den realen Anforderungen der modernen Rezepturherstellung, Medikationsanalyse und Beratungspraxis.

  • Direkter Austausch zwischen Lehrkörper und Kammer: Abgleich von Schulcurricula mit apothekenrechtlichen Pflichten (z. B. Dokumentation nach § 35 ApBetrO).
  • Systematische Vorbereitung auf die Praxisphase: Standardisierte Qualitätsleitfäden für das sechsmonatige Apothekenpraktikum zur Entlastung der Ausbildungsbetriebe.
  • Attraktivitätssteigerung: Frühzeitige Vermittlung beruflicher Perspektiven, tariflicher Rahmenbedingungen und Fortbildungsmöglichkeiten zur Vermeidung von Berufsflucht in Nachbarbranchen.

Gewerkschaftliche Dimension: Bindungskraft durch faire Arbeitsbedingungen

Aus Sicht der Apothekengewerkschaft ADEXA reicht eine rein didaktische Vernetzung allerdings nicht aus, um den Aderlass an pharmazeutischem Fachpersonal nachhaltig zu stoppen. Zwar schafft die engere Kooperation zwischen Schule und Kammer einen besseren Wissenstransfer, doch entscheidet sich die Verweildauer im Beruf an den Rahmenbedingungen: Nach wie vor verlassen viele PTA wenige Jahre nach dem Examen die Vor-Ort-Apotheke in Richtung Pharmaindustrie, Krankenkassen oder Prüflabore. Der Grund liegt neben der hohen Taktung im Handverkauf vor allem in der Vergütungsstruktur. Während der Bundesrahmentarifvertrag (BRTV) mit dem Arbeitgeberverband Deutscher Apotheken (ADA) in den vergangenen Tarifrunden Anpassungen der Ausbildungs- und Einstiegsgehälter brachte, bleibt der Abstand zu industriellen Tariflöhnen spürbar.

Rechtliche Rahmenbedingungen und Entlastung für Apothekenteams

Für die Inhaberinnen und Inhaber sowie die Filialleitungen bietet das hessische Modellprojekt das Potenzial, Einarbeitungszeiten signifikant zu verkürzen. PTA-Praktikantinnen und -Praktikanten, die bereits während der schulischen Ausbildung gezielt auf typische Arbeitsabläufe – von der Plausibilitätsprüfung nach § 7 ApBetrO bis hin zum Risikomanagement bei Chargenrückrufen – vorbereitet werden, können im praktischen Halbjahr rascher qualifiziert mitwirken. Dies entlastet Approbierte und erfahrene Kolleginnen und Kollegen im Team spürbar bei den täglichen Arbeitsspitzen, anstatt zusätzliche Aufsichtsressourcen zu binden.

Konkrete Handlungsempfehlungen für Ausbildungsapotheken

Apothekenleitungen und Praxisanleitende sollten das hessische Signal nutzen, um die eigene Ausbildungsqualität intern auf den Prüfstand zu stellen. Konkret empfiehlt sich:

  • Frühzeitige Kontaktaufnahme: Nehmen Sie aktiv Verbindung zu den regionalen PTA-Schulen auf und bieten Sie praxisbegleitende Tage oder Projektwochen an.
  • Nutzung der Kammer-Leitfäden: Implementieren Sie strukturierte Ausbildungspläne nach den Mustern der LAK, um alle Ausbildungsbereiche (Rezeptur, Labor, Offizin, BtM-Dokumentation) lückenlos abzudecken.
  • Transparente Tarifbindung: Klären Sie Auszubildende frühzeitig über tarifliche Ansprüche nach BRTV auf, um Vertrauen und Verlässlichkeit als Arbeitgeber zu etablieren.