Der tarifpolitische Sonderweg im Kammerbezirk Nordrhein entwickelt sich für die dortigen Vor-Ort-Apotheken zunehmend zur Hängepartie. Die Tarifgemeinschaft der Apothekenleiter (TGL) Nordrhein hat öffentlich Kritik an der Apothekengewerkschaft ADEXA geübt: Nach Darstellung der Arbeitgeberseite liegt seit Monaten ein Angebot zur Anpassung der Gehälter auf dem Tisch, ohne dass die Gewerkschaft bislang einen substanziellen Gegenvorschlag vorgelegt hat. Damit droht die Gehaltsschere zwischen Nordrhein und dem restlichen Bundesgebiet (ADA-Bereich) weiter auseinanderzuklaffen.
Separate Verhandlungsschiene am Rhein blockiert
Während für das restliche Bundesgebiet – abgesehen von Sachsen – die Tarifverträge zwischen dem Arbeitgeberverband Deutscher Apotheken (ADA) und der ADEXA verhandelt werden, führt Nordrhein über die TGL traditionell eigenständige Tarifgespräche. Nachdem im ADA-Gebiet nach monatelangem Ringen eine zweistufige Gehaltsanhebung vereinbart worden war, steht ein vergleichbarer, rechtlich bindender Abschluss für Nordrhein aus. Aus Sicht der TGL liegt der Ball im Feld der Arbeitnehmervertretung: Man habe signalisiert, über wirtschaftlich tragfähige Anpassungen sprechen zu wollen, warte jedoch vergeblich auf konkrete Verhandlungssignale oder einen modifizierten Forderungskatalog von ADEXA.
ADEXA-Strategie und der wirtschaftliche Engpass der Inhaber
Hinter der Zurückhaltung der ADEXA vermuten Branchenbeobachter eine taktische Gemengelage. Ein unterproportionales Angebot der TGL, das deutlich hinter den Abschlüssen des ADA-Bezirks zurückbleibt, würde die Attraktivität der Apothekenberufe im Rheinland empfindlich schwächen. Gleichzeitig argumentieren die nordrheinischen Inhaber mit den anhaltenden wirtschaftlichen Belastungen: Das seit über einem Jahrzehnt eingefrorene Fixum von 8,35 Euro gemäß § 3 Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV), die jüngsten BGH-Entscheidungen zu Skonti und die steigenden Betriebskosten schnüren die finanziellen Spielräume massiv ein. Für ADEXA wiederum ist ein Abschluss, der Reallohnverluste für PTA, PKA und Approbierte zementiert, gegenüber den Mitgliedern kaum vertretbar.
Auswirkungen auf Angestellte: Wer profitiert, wer verliert?
Für das pharmazeutische Personal in Nordrhein hat der Stillstand handfeste materielle Konsequenzen:
- Dynamische Vertragsklauseln: Beschäftigte, in deren Arbeitsverträgen die jeweils gültigen Tarife der TGL Nordrhein dynamisch in Bezug genommen sind, verbleiben vorerst auf dem bisherigen Gehaltsniveau ohne tarifliche Steigerung.
- ADA-Bezugnahmen: Wurde im Arbeitsvertrag trotz des Standorts in Nordrhein explizit der Bundesrahmentarifvertrag (BRTV) bzw. Gehaltstarifvertrag des ADA vereinbart, gelten die dortigen Erhöhungen unabhängig von den TGL-Verhandlungen.
- Freiwillige Zulagen und Übertariflichkeit: Viele Inhaber zahlen angesichts des akuten Fachkräftemangels bereits übertariflich oder orientieren sich freiwillig am ADA-Tarif, um Abwanderungen in angrenzende Kammerbezirke wie Westfalen-Lippe oder Hessen zu verhindern. Ein einklagbarer Rechtsanspruch besteht hierbei jedoch nur bei schriftlicher Vereinbarung.
Handlungsempfehlungen für das Apothekenteam
Angestellte sollten ihre bestehenden Arbeitsverträge detailliert auf die formulierte Bezugnahmeklausel prüfen. Steht dort ein statischer Verweis auf alte TGL-Tabellen oder eine dynamische Koppelung an die aktuellen Verhandlungsergebnisse? Bei bevorstehenden Mitarbeitergesprächen empfiehlt es sich, die Gehaltsentwicklung im ADA-Gebiet als realistische Benchmark heranzuziehen. Solange kein neuer TGL-Tarifabschluss unterzeichnet ist, verbleiben Gehaltserhöhungen reine Verhandlungssache zwischen Inhaber und Mitarbeiter – mit deutlichen Vorteilen für qualifizierte Fachkräfte in Mangelfunktionen wie Rezepturexperten oder erfahrene Notdienst-Approbierte.
